Subjektiver Rückblick auf den Filmball 2009

“When other little girls wanted to be ballet dancers, I kind of wanted to be a vampire.” (Angelina Jolie)
Der „Titanic-Filmball“ im Heizkraftwerk Mitte anno 1998 gilt bereits als legendär und begründete wohl den Ruf Holger Johns als Maître de Plaisir.
Ganz wie Rose DeWitt Bukater machte ich damals die Erfahrung, daß die besten Parties nicht in der Ersten Klasse, sondern auf dem Unterdeck stattfinden.
Somit war es für mich keine Frage, vergangenen Samstag dabei zu sein, als zum Abschluß des Filmfests Dresden zum Ball der Vampire geladen wurde. Zehn Euro Eintrittspreis schienen mir angesichts der Vielzahl der Veranstaltungsorte angemessen.
Einige Stunden vor Beginn treffe ich mich mit meiner Freundin, Miss Mao, um uns zurechtzumachen. Mit einer ganzen Stunde Verspätung (nicht klebenden Vampirzähnen und zu schnell klebenden Klimperwimpern geschuldet) sind wir kurz nach 22 Uhr endlich im Orpheum.
Meine erst kürzlich geäußerten Wünsche den perfekten Club betreffend scheinen erhört worden zu sein: es gab eine Garderobe. Während ich Teil der Menge werde, fällt mir auf, daß die Begegnungen mit Fremden ungewohnt verlaufen: Fast jeder Augenkontakt dauert spürbar länger als sonst – fasziniert begutachte ich die zum Teil fantasievollen Aufmachungen anderer Gäste, die dies mit neugierigen, meist freundlichen Blicken erwidern. Bisweilen lächelt man sich komplizenhaft zu. Was hier zu sehen ist, geht weit über billige und lieblose Karnevalskostüme hinaus. Ganz besonders überrascht mich, mit welcher Liebe zum Detail viele Männer vorgegangen sind.
Schon nach kurzer Zeit küre ich meinen Favoriten: jung, großgewachsen, gebe ich ihm den Namen „Der Cyber-Count“. Seine enganliegenden Hosenbeine stecken in hohen Schaftstiefeln; er trägt einen mit goldenen Applikationen versehenen Frack, dessen Rockschöße signalrot leuchten. Am ungewöhnlichsten seine Frisur: Über dem bleichgeschminkten Gesicht mit dem König-Ludwig-Bärtchen hat er sein halblanges Deckhaar mit Gel zurückgekämmt, so daß zwei Wasserstoffperoxid-Henna-Partien besonders gut zur Geltung kommen und ihm eine geschmeidig-diabolische Aura verleihen. Dazu bewegt er sich mit abgezirkelten, manierierten Gesten, die wunderbar zum Habitus eines Graf Dracula passen.
Bei den Frauen überwiegt der Morticia-Look: viel Schwarz, ein wenig Rot, Netzstrümpfe etc. Aber auch hier gibt es Ausnahmen: eine Vampirin mit grauer Cher-Perücke und silbern glänzenden Lippen hat sich eine Spinnenbrosche ans graue Glitzerkleid geheftet; eine andere trägt von der Perücke übers Schneewittchen-Kragen-Kleid spaciges Pink. Nur Vampirellas charakteristisches Outfit sucht man vergeblich.
Das Verhältnis Jener, die das Spiel mit der Verwandlung offensichtlich lieben, und Jener, die in Alltagskluft kommen, hält sich in etwa die Waage. Nachvollziehen kann ich es nicht: man muß die Lust an der Verkleidung ja nicht teilen, aber warum geht man dann überhaupt zu einer solchen Veranstaltung?
Miß Mao und ich bewundern zunächst den Saal des Orpheums, der mit seiner pastellfarbenen Deckenbemalung und den hellen Säulen, kurz: seiner heiteren Ausstrahlung einen reizvollen Kontrast zu der dunkel gewandeten Menschenmenge bildet. Zu unserer Enttäuschung ist die gesamte Empore nur für das Team des Filmballs zugänglich. Wie unterhaltsam wäre es, auch einmal von oben einen Blick auf die Gäste in all ihrer Verschiedenheit zu werfen!
Die Getränkelisten an der Bar sind so kleingedruckt, daß ich sie nur mit Mühe entziffern kann. Naja, heißt es nicht, Fledermäuse seien fast blind? Um im Vampirjargon zu bleiben: I’m a sucker for details. Daher hätte ich mir irgendwelche hinterhältigen, auf den Anlaß abgestimmte Cocktails mit Tomaten- oder Kirschsaft, Red Bull oder Blutorangen-Wodka gewünscht.

Meine Halloween-Bowle bleibt unerreicht!
Am Rande der sich füllenden Tanzfläche dämmert es mir, daß ich es noch bereuen könnte, ohne Tanzpartner unterwegs zu sein. Die Musik swingt beschwingt, wobei auch hier für meinen Geschmack gerne einmal die eine oder andere Filmmusik hätte dabei sein dürfen.
Überhaupt, dafür, daß der Ball schon in seinem Namen auf einen der Klassiker des Genres anspielt, fehlt es mir an cineastischen Elementen. Im Vorfeld habe ich mich dank youtube neuerlich an Meilensteinen des Genres berauscht:
An der unterschwellig schicksalsschwangeren Ankunftsszene in Werner Herzogs Nosferatu:
Am aufgeladenen Geplänkel im unterkühlten Zusammenspiel Cathérine Deneuves (als Vampirin) und Susan Sarandons (als ihrem Opfer) in The Hunger:
Oder auch die wunderbare, neue HBO-Serie True Blood, in der den um Integration bemühten Vampiren eine vergleichbare gesellschaftliche Hetze widerfährt, wie früher den Schwarzen und heute den Schwulen:
Wie schön wäre es gewesen, diese suggestiven Bilder an eine der Häuserwände oder auf dem Lutherplatz zu projizieren, um die Neustadt als Gesamtkunstwerk des Gruselns zu inszenieren?
Wie dem auch sei, offensichtlich scheint Transsylvanien gute Beziehungen nach Argentinien zu unterhalten, denn einmal mehr stellt sich die Vielseitigkeit des Tangos unter Beweis – egal, was gespielt wird, es gibt fast immer irgendein Paar, das einen Tango, eine Milonga oder einen Vals tanzte.
Aber dies ist keine Milonga, auf der es, wenn schon nicht als verpönt, so doch zumindest als ungewöhnlich gilt, den ganzen Abend mit (s)einem Partner zu tanzen. Hier und heute gehen Frauen mit ihren Männern aus – kann ich einfach auffordern, ohne böse Blicke zu ernten? Bevor ich mich zu einer Entscheidung durchringe, werde ich zum Glück aufgefordert. Das Tanzen mit dem ungewohnten Zylinder macht mir bewußt, daß ich noch viel zu oft zu Boden sehe,– mein armer Tanzpartner kriegt ein paar Mal unsanft den Hut ins Gesicht, ehe ich Haltung annehme.

Standesgemäßer Kopfputz: der Zylinder meines Urgroßvaters.
Nach ein paar Tänzen ist mir nach Abwechslung. Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage – eine Frau. Sie sitzt im Tango-Pulk und sieht einfach so aus, als habe sie es drauf. Und tatsächlich: Dionysia ist Tanguera; die Männerrolle können wir aber beide nicht. Wir versprechen uns, füreinander nach einem Tanguero Ausschau zu halten.
Irgendwann überwinde ich meine Skrupel, und so nähere ich mich einem sympathisch aussehenden Paar im Partnerlook, beide in Anzug, Weste und schön altmodischen, gestreiften Hemden. Ich berühre sie leicht am Arm: „Ist das Dein Freund?“ –„Ja.“ „Kann er tanzen?“ – „Ja.“ „Borgst Du ihn mir für einen Tanz?“ Zum Glück lacht sie, und auch er scheint mir meinen weiblichen Chauvinismus nicht übel zu nehmen.
Mitten im Tanz greift mich jemand am Arm. Beide Hände noch in der Tanzhaltung umfangen, kann ich mich nicht wehren, als ein Mann meinen Kopf zurückneugt (zum Glück sitzt der Zylinder), bis mein Hals ganz entblößt ist, und mich „beißt“ , indem er mir mit Kunstblut zwei schöne Einstichwunden zaubert. Ich bin so verdattert, daß ich ihn gewähren lasse. Wer ist der Unbekannte? Erst an seinem Lachen erkenne ich unter all der Schminke meinen charmanten Freund J. alias The Joker.
Irgendwann ist im Saal merklich die Luft raus – die Veranstaltung blutet sozusagen aus. Es heißt, nun beginne der Umzug. Nach einer Weile beschließen auch wir, aufzubrechen. So trotten wir im Pulk hinter ein paar knatternden Harleys hinterher. Der Vampirbezug erschließt sich mir nicht. Auf der Louisenstraße sitzen die (Normal)Sterblichen vor den Cafés und begutachten uns, wie wir vorbeiflanieren. Eine Frau mit Berliner Akzent ruft „Och, kiek mal die hier!“. Wir lächeln milde. Sie wird zweifelsohne später dafür bluten, muhaha!
In der Scheune hält es mich gerade lang genug, um zu bemerken, daß die Tanzfläche unten fast leer, die obere voller ist, obwohl mein subjektives Empfinden angesichts dessen, was aufgelegt wird, es andersrum erwartet hätte. Im oberen Saal ist es fast dunkel, die Musik laut, elektronisch und monoton. Nach den sanfteren Klängen im Orpheum ein Kulturschock und nicht das, wonach mir heute Abend der Sinn steht.
Und wie es scheint, will auch hier niemand meinen Lieblings-Vampir-Songs spielen… (Mit Dank an A., ich weiß das Opfer zu schätzen!)
Wir ziehen weiter ins ehemalige Kaufhaus auf der Königsbrücker, das aus mir unerfindlichen Gründen jetzt „Magnet K38″ heißt. Gleich beim Eintreten schlägt uns ein überwältigender Knoblauchgeruch entgegen. Später wird mir klar, woher er stammt, doch zunächst steige ich die Treppe zur Garderobe hinauf.
Hier oben bietet sich ein wirklich interessantes Bild. Abgesehen von der Garderobe (und dem dazugehörigen Frollein) ist der Raum vollkommen leer. Statt einer Deckenbeleuchtung wurde eine Lichterkette auf dem Fußboden ausgebreitet, deren warmes Licht dem großen Saal mit seinen Säulen etwas Sakrales verleiht. Akustisch und visuell ist diese Leere eine Wohltat. Doch um Ruhe und Lichte soll es heute Nacht nicht gehen.
Wieder unten, sondieren wir die Tanzfläche. Die Musik ist o.k. (erst später erfahre ich, daß der hübsche DJ, ein Matthias-Schweighöfer-Lookalike, der Bruder meiner Nachbarin ist – Dresden, ein Dorf). Der Raum wurde großzügig mit Knoblauchknollen dekoriert, die die Tanzenden mit ihrem Schuhwerk peu à peu in die Auslegeware auf der Tanzfläche einarbeiten. Gehört das zur Inszenierung?
Überhaupt, Teppichboden auf dem Dancefloor, hätte sich das nicht mit geringem Aufwand besser lösen lassen? Doch all das ist letztlich irrelevant, ich bin vom Prosecco leicht angeschickert und habe Lust, endlich wieder einmal zu tanzen, ohne mich demographisch deplaziert zu fühlen. (Ehe ich mich in die geschützten Biotope von Ü30-Parties zurückziehe, verzichte ich lieber.) Auch dies etwas, was am heutigen Abend durchaus funktioniert: obwohl der Filmball an ganz unterschiedlichen Orten stattfindet, hat sich keine allzu deutliche Separierung nach Altersklassen herausgebildet.
Letzten Endes ist es die Zeit, die schließlich die junge Saat vom reifen Weizen trennt: während viele sicher noch bis in den Morgen feiern werden, beginnen wir zu fortgeschrittener Stunde zu gähnen.
Noch auf einen Absacker. Von den Lampen an der Theke in Rosis Amüsierlokal baumeln Knoblauchknollen. Uns ist nach ein wenig plaudern, auswerten, lästern. Doch wie beinahe überall an diesem Abend finden wir, daß eine Unterhaltung nur möglich ist, wenn man versucht, die dröhnenden Boxen zu überschreien. Nach kurzer Zeit schmerzt mein Hals, als wäre ich Kettenraucherin. Warum gehört zum Konzept eines „Amüsierlokals“ nicht auch, daß man sich in normaler Lautstärke unterhalten kann? Und wenn die Musik schon so laut sein muß (obwohl niemand tanzt und alle reden), könnte man doch in hochwertige Lautsprecher investieren.
In einem der Separees schlummern zwei Alkoholleichen; obwohl es kaum freie Plätze gibt, scheinen sich weder das Bar-Team noch die Gäste daran zu stören. Auch ich merke, daß mein Blutdurst dem Schlafbedürfnis gewichen ist. In einer Stunde geht die Sonne auf. Bettzeit für Vampire.

Meine liebste Elbnymphe,
Kleine Aufforderung für Jörg und Christian…
herzlichen Glückwunsch zum Blog.
Der Beitrag zum Filmball spricht mir aus der Seele.
Eine kleine Ehrenrettung noch für Rosie’s – die Kicker sind klasse
Und: deine Halloween-Bowle ist wirklich unerreicht!
In diesem Sinne, miau miau
Miss Mao