
Dresden gehörte dazu
Liebe Mit-Dresdner (die das „Mit“ vor allem deswegen im Namen führen, weil ich mich mit ihnen heute geschlagen fühle), liebe Leserbriefschrieber,
mit dieser nostalgischen Postkarte aus vergangenen Tagen möchte ich Euch provinziellen Großkotze mit Minderwertigkeitskomplex daran erinnern, in welcher Liga wir einmal gespielt haben. Mit Euren Sprüchen kommt Ihr mir vor wie ein Team, das einmal olympisches Gold errang und sich jetzt damit brüstet, doch auch bei den Kreismeisterschaften ganz gut abzuschneiden.
Tief getroffen – eine „Ewiggestrige“.
Und ich weiß noch, wie zur Verleihung des Titels im Elbtal die Weltwunder aufgebaut wurden: liebevoll als Kulissen an der Elbe, z.B. die Pyramiden. Alle haben friedlich gefeiert und waren stolz. Und jetzt will davon niemand mehr etwas wissen.
Ich bin dann gern auch ein Ewiggestriger.
Meinst Du, davon gibt es Fotos?
Ich habe damals leider noch nicht fotografiert. Die Bilder sind in meiner Erinnerung. Ich ordne die Erinnerung etwa dem Elbhangfest 2005 zu, es stand unter dem Motto »Nehmt hin die Welt! rief Zeus von seinen Höhen«. Aber ich hoffe auf die kollektive Erinnerung in den Blogs.
In Afghanistan werden Statuen gesprengt, in Dresden zerstört man Weltkulturerbe halt mit einer Brücke. Erschreckend finde ich, dass die Meisten den Welterbetitel für verzichtbar halten. Als ob wir Dresdner über das Kulturerbe der ganzen Menschheit entscheiden dürften. Aber es ist typisch, Hauptsache ein paar Politiker haben ihren Willen bekommen. Nun sind wir zwar das Gespött der gebildeten Welt und büßen zusätzlich noch Geld und Touristen ein, aber was soll’s!
Ich schließe mich dem Kreis der Ewiggestrigen gerne an, obwohl ich mit dem Begriff normalerweise eher christliche Parteien verbinde.
Die Idiotie läßt sich hier leider nicht an der Parteizugehörigkeit festmachen
Man muss die Idiotie manchmal einfach verdrängen. Hier sagt gerade jemand sinngemäß: ich spüre die Enge in dieser Stadt. Morgen wird man in dieser Stadt eine Menge Idiotie spüren.
[...] Elbnymphe: Presseschau: Reaktionen zum UNESCO-Beschluß, doppelt betroffen [...]
Ich versuch mich dann auch mal:
Vorab: Es würde mich interessieren, ob es vor der Verleihung des Welterbetitels durch die UNESCO eine ähnlich leidenschaftliche Bewegung gegeben hat, die FÜR die Erlangung dieses Titels gestritten hätte und ob er auch seinerzeit bereits als „unverzichtbar“ für Dresden erachtet wurde und falls ja, warum.
Was sollte sich für Dresden ändern, ohne den Titel, was die Erfahrungen aus der Zeit vor der Titelverleihung nicht zumindest stark in Zweifel ziehen würden?
Es ist ja nicht so, dass der Stadt Dresden vor der Verleihung des Welterbetitels keine Bauanträge für die Elbauen vorlagen. Gebaut wurde dennoch nicht oder nur innerhalb eines sehr streng gezogenen Rahmens (z.B. Sanierungen bereits vorhandener Substanz).
Und es ist ja auch nicht so, dass man keine Vorkehrungen treffen könnte, damit der gefürchtete Vorreiter-Effekt ausbleibt. Das von Seiten der SPD für den Fall des Titelerhalts trotz Brücke vorgeschlagene „Welterbegesetz“ wäre doch ohne Frage auch jetzt noch sinnvoll – gerade jetzt.
Ist die Diskussion um Brücke und Welterbetitel nicht vielmehr eine äußerst ideologische geworden, wurde sie nicht dadurch vielerorts zur „persönlichen Sache“ erklärt?
Dresden gehört meines Erachtens nach übrigens immer noch „dazu“ – nur eben nicht mehr offiziell bzw. nach dem institutionell verankerten Paradigma der UNESCO, das darauf abhebt, dass der Welterbetitel die Orte, die er ehrt, zu solchen macht, über die nicht nur (bzw. nicht in erster Linie) die Einheimischen sondern die ganze Welt zu verfügen hat (sinngemäßer Tenor UNESCO-Welterbe-Kommission).
My 2 cents, Grüße an alle
Es war ja gar nicht so schwer, den Titel zu bekommen. Dafür musste niemand demonstrieren, dafür musste man sich nicht besonders engagieren. Wäre vielleicht besser gewesen: was einem in den Schoß fällt, achtet man oft nicht.
Ich kann mich daran erinnern, dass der kultur- und bildungsbewusste Teil der Dresdner das Welterbe begrüßt hat (beispielsweise damals beim Elbhangfest). Ich muss natürlich auch akzeptieren, dass diese Gruppe in Dresden keine demokratische Mehrheit hat.
Wenn man die Dresdner Stadtpolitik der letzten Wochen beobachtet, kann man nicht sicher sein, dass das Welterbe quasi ohne Zertifikat weiterleben wird. Die Posse um die Berufung des Wolfram Köhler in eine überbezahlte Machtposition lässt für mich den Schluss zu, dass man mit »Macher«-Mentalität auch dem Elbtal zu Leibe rücken kann.
Das bedeutet dann wohl, dass du diejenigen, die sich auch ein Dresden ohne Titel vorstellen können, ohne deshalb einen Verfall von Kultur oder Natur zu befürworten, in die „kultur- und bildungsunbewusste“verbannst. Das ist harter Tobak.
Warum wurde dem Elbtal vor 2004 nicht „zu Leibe gerückt“, was meinst du?
Nein, das bedeutet es nicht. Ich habe diese Beschreibung gewählt, weil ich noch lebhaft vor Augen habe, von wem damals das Welterbe begrüßt wurde. Dann habe ich bedauert, dass sich die Menschen in der Minderheit befinden, denen das Welterbe wirklich etwas wert ist. Über die anderen habe ich nichts geschrieben.
Ich finde es im Nachhinein auch sehr bedauerlich, dass es bei der Stadtratswahl keine freie Wählergemeinschaft der Welterbe-Befürworter gegeben hat.
Dem Elbtal wurde vor 2004 nicht so sehr zu Leibe gerückt, weil man sich bei der Planung noch am Welterbe-Titel orientierte. Als man wusste, dass der Titel flöten gehen würde, hat man z.B. dieses Saloppe-Bauvorhaben durch den Stadtrat gebracht.
Ja, ich weiß auch von dem Rückzieher. Aber da ist das letzte endgültige Wort wohl auch noch nicht gesprochen — oder weiß jemand, wieviel Geld das die Stadt gekostet hat? Die »Investoren« werden doch sicher klagen und zumindest eine fette Abfindung verlangen. Es ist der absolute Wahnsinn, diese schöne Gegend mit Beton zuzuklotzen. Und das wäre mit einem minimalen Bewusstsein für das Dresdner Erbe [ich sage bewusst nicht »Welterbe«] nicht passiert.
Ich kaufe eine „Ecke“ für hinter „bildungsunbewusste“
Jane, Stefanolix: Danke für Euren interessanten Gedankenaustausch. Wir können nur abwarten, wie es in einer Generation auf den Elbauen aussehen wird. Prognosen sind schwierig.
Der Gedankenaustausch muss ja nicht zu Ende sein. Mir ist nur gerade noch spontan eingefallen, ob es nicht jetzt eine freie und vernetzte Bürgerbewegung geben sollte, die ganz genau darauf achtet, was im Elbtal passiert. Jetzt nicht mehr im Sinne des Weltkulturerbes, sondern im Sinne des Erbes der Stadt Dresden. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in diese Richtung denken würde …
Wenn jetzt z.B. im Stadtrat die Bürgerinitiative »Elbtal erhalten« das Zünglein an der Waage wäre, dann würde so etwas wie der Saloppe-Skandal gar nicht erst vorkommen. Wichtig wäre für mich, dass die Initiative quer zu den heutigen Parteien aufgestellt wäre. Bewahren und erhalten: das ist ja gleichzeitig konservativ, grün, liberal-demokratisch und sozial (die Reihenfolge soll keine Wertung darstellen).
Du schriebst doch, dass diese Gruppe (Welterbefreunde) in Dresden keine demokratische Mehrheit hätte. Ich kann aber sehr wohl seinerzeit das Welterbe „begrüßt“ haben (was ich z.B. durchaus tat), heute aber sowohl für Brücke als auch für Welterbetitel sein, beides also für vereinbar halten. Man muss hier also sehr wohl trennen zwischen Brückenbefürwortern und Welterbegegnern (so es sowas denn überhaupt gibt), das eine bedingt keinesfalls zwangsläufig das andere.
Das Welterbe als solches ohne Einmischung in lokalpolitische Angelegenheiten seitens der UNESCO hätte selbstverständlich eine demokratische Mehrheit in Dresden, warum denn auch nicht? Die Frage ist doch, ob ein verbauter (oder doch um die Brücke bereicherter?) Blick auf die Dresdner Innenstadt den Entzug des Titels rechtfertigte.
Und in Sachen Saloppe: Was für ein Bauvorhaben? Soviel mir bekannt ist, soll die Saloppe lediglich erhalten und modernisiert werden, anstatt verkauft. Diesen Antrag hatten übrigens die Grünen in den Stadtrat eingebracht. Der Antrag wurde Mitte März mit 0 Gegenstimmen im Stadtrat angenommen. Das sind eben momentan die Fakten. Und vor März 2009 konnte auch noch niemand „wissen“, dass das Welterbe „flöten gehen“ würde. Kein Mensch kann zudem mit etwas kalkulieren, das er nicht hat, sowas grenzte ja dann an Spekulation.
Diese Argumentation greift also meines Erachtens nicht.
Zur Saloppe: Du weißt möglicherweise nicht, was dort wirklich passieren sollte, bevor sich eine Initiative dagegen ausgesprochen hat. Diese schreibt als Einleitung ihrer Webseite:
Quelle und weitere Informationen: http://www.saloppe-bleibt.de/
Hätten sich die Baulobby und der Investor durchgesetzt, dann wäre die ganze Silhouette neben den Elbschlössern verdorben gewesen. Wie hoch die Entschädigungen sein werden (immerhin gab es schon einen Vertrag) und was im Verlauf eines Gerichtsverfahrens passieren könnte, ist meines Wissens noch völlig offen. Da hat eine Beton-Mehrheit im Stadtrat nicht das Welterbe, sondern das Dresdner Erbe mit Füßen getreten (mehr erfährt man, wenn man sich mit der Geschichte der Saloppe und der Elbschlösser befasst).
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Dass der Welterbetitel verloren war, wusste man im Grunde spätestens seit der Verschiebung Dresdens auf die »Rote Liste« — bei gleichzeitigem Brückenbau. Das ist nicht auf der Ebene einer Spekulation angesiedelt. Das konnte man lange vor dem März 2009 als sicher annehmen. Eine verwegene Spekulation war wohl eher, dass die UNESCO Geduld bis zum Ende des Brückenbaus zeigen würde.
Elbnymphe:
Das stimmt. Ich hoffe wirklich, dass mit der Existenz der Brücke verantwortungsvoll umgegangen wird, jedoch ebenso, dass sie den Dresdnern ähnlich wie das Blaue Wunder ans Herz wachsen und irgenwann im kulturellen Selbstverständnis verankert sein wird. Eine weitere Bebauung der Elbauen darf es nicht geben.
Jane, daß die Brücke den Dresdnern jemals ans Herz wächst, kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Und ich fürchte eben, daß mit dem Stattgeben des Brückenbaus einer weiteren Bebauung der Elbauen Tür und Tor geöffnet wurden – denn wie formulierte es OB Helma Orosz in ihrer Sevilla-Rede: „Ich vertrete als Oberbürgermeisterin eine Stadt […], die sich im Bewusstsein ihrer Verantwortung für die Bewahrung ihrer Kulturgüter weiterentwickelt [meine Hervorhebung].“ – dies dürfte im Zweifelsfall als Rechtfertigung für so ziemlich alles herangezogen werden.
Das fürchte ich auch. Saloppe war ein Testlauf und muss beobachtet werden, weitere Versuche werden folgen. Wenn man den Dresdnern diese Brücke zumuten kann und wenn angeblich zehn Prozent sogar den Postplatz schön finden, ist viel möglich.
[...] Elbnymphe schrieb damals eine Postkarte an die Leserbriefschreiber der SZ. Ich würde gern eine Frage an das Rathaus senden: Warum leistet sich die Stadt Dresden [...]
Elbnymphe, aus oben genannten Gründen (vor dem Erhalt des Welterbetitels wurde an den Elbwiesen auch nicht gebaut) kann ich mir das eben momentan nicht vorstellen.
Außerdem: Dresden hat nach wie vor die Möglichkeit, sich mit den Elbauen erneut für den Titel zu bewerben. Folgt man also Stefanolix’ Argumentation, dass die Kalkulation mit dem Titel die Stadt vor 2004 davon abhielt, die Auen zu bebauen, müsste das ebenso für die heutige Situation Geltung haben. Der Titel ist für Dresden längst nicht verloren, es gibt weiterhin die Chance, Kulturerbe zu werden.
Die Strecke zwischen der Albertbrücke und dem Blauen Wunder wird bei einem neuen Antrag definitiv wegfallen, dort wird die UNESCO niemals mehr mit sich reden lassen. Pläne gibt es für die Strecke vom Blauen Wunder elbaufwärts und über Pillnitz hinaus, für die Innenstadt (wurde schon mal abgelehnt) oder für die Gartenstadt Hellerau (tangiert unser Thema nicht).
Man muss sich nur mal ansehen, was an Dinglingers Weinberg gerade für ein Haus gebaut wird, das lässt einen schon im halbfertigen Zustand erbeben …
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Allerdings stellte ich mir gestern beim Fotografieren auch die Frage: hätte eine (virtuelle) UNESCO damals die Yenidze genehmigt (die so gar nicht ins alte Dresden passte)? Hätte das Kongresszentrum in einem bestehenden Welterbe so gebaut werden dürfen? Und die Synagoge? Man muss wohl anerkennen, dass diese Abgabe von Souveränität nicht nur positive Seiten hat.
Mir ist es ein wichtigeres Anliegen, dass die Dresdner ihr Erbe selbst pflegen, gern auch ohne UNESCO, aber mit wachem Blick und Verstand.
Dieses ominöse Haus an Dinglingers Weinberg habe ich nicht vor Augen. Hast Du, hat jemand davon vielleicht ein Bild? Dann schickt es mir doch bitte mal.
Nicht alle modernen Häuser am Elbhang sind mir ein Dorn im Auge; manches in den letzten Jahren Gebaute finde ich ausgesprochen gut.
Dresden besaß den Titel noch nie, sondern das Elbtal, wenn ich es recht verstanden habe. Insofern hat Dresden Chancen auf Erlangung des Titels.